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Thesen zur Hexenverfolgung

0. Vorbemerkung
1. Einleitung
2. Die Thesen
3. Bewertung
3.1. Wissenschaftstheorie
3.2. Anwendung
4. Historische Folgen
5. Philosophischen Folgen
6. Literatur

 

5. Die philosophischen Folgen der Hexenverfolgung

Die Folgen der Bevölkerungsexplosion für die Philosophie hängen mit denen für die Pädagogik eng zusammen, noch enger jedoch mit der Wirtschaftsentwicklung.

Eine Lage wie im Frühkapitalismus hat natürlich auch Auswirkungen auf das Bewußtsein. Vor der Hexenverfolgung konnte ein Kind aufwachsen in dem Bewußtsein, an den Ort, an dem es geboren war, zu gehören. Hier würde es bleiben, von dem Land würde es leben.

Mit der Entstehung des Frühkapitalismus in der Folge der Hexenverfolgung änderte sich diese Lage für viele Kinder drastisch. Die Zukunftsperspektive eines Menschen war jetzt im Normalfall, "hinaus in die Welt zu ziehen", die überlasteten Agrarsiedlungen zu verlassen und sich als Lohnarbeiter in der Industrie zu verkaufen.

Dies ist erst die Bedingung für ein konkurrierendes Bewußtsein, wie es Hegel entwirft, für eine Entfremdungstheorie, wie man sie bei Marx findet. Nur hat Marx die wahre Natur dieser Entfremdung nicht erkannt: nicht das Werk seiner Arbeit wird dem Menschen geraubt, sondern seine Heimat ist ihm verlorengegangen, sein Gastrecht auf der Erde. Es ist letztlich auch dieser Verlust, mit dem sich der Existenzialismus auseinandersetzt. Es mag obszön erscheinen, aber man kann das tatsächlich wörtlich nehmen: Weil die Frauen unter Gebärzwang ihre Kinder regelrecht "werfen" und nicht mehr planvoll zur Welt bringen, fühlt sich der moderne Mensch als ein in die Welt geworfener, und zwar aus ganz praktischen Gründen und nicht aus ontologischen. Es ist die Heimatlosigkeit in einer Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist, die moderne Philosophen quält. Descartes' geistiger Unsicherheit entspricht die materielle Unsicherheit der durch die Hexenverfolgung Enterbten.

Der Mechanizismus derer, die die Welt als Maschine betrachten entspricht der Entfremdung der Kinder von ihrer Mutter Erde durch die Bevölkerungsexplosion. Wie könnte man von diesen Entwurzelten erwarten, daß sie die Wurzeln anderer Lebewesen schonen?

Daß die Hexenverfolgung ein Thema für die Philosophie ist, ergibt sich auch aus ihrer Stoßrichtung. Heinsohn/Steiger machen klar, daß die Hexenverfolgung primär gegen ein Wissen gerichtet war. Hier ist die Unterdrückung des Verhütungswissens mit einer pronatalistischen Ideologie verknüpft. Diese Ideologie aufzudecken und zu kritisieren, ist eine Aufgabe der Philosophie. Wie wirksam die Verhütung bis in unsere Zeit verdrängt wurde, zeigt eindrucksvoll ein Beispiel aus Hoimar von Ditfurths Bestseller "So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen: es ist so weit". Er erzählt darin eine Parabel von Krankheitserregern, die einen Menschen befallen, der dann ihre Lebenswelt ist. Diese Lebenswelt vernichten die Erreger durch ihr genetisch programmiertes Fortpflanzungsverhalten. Ditfurth meint, das menschliche Fortpflanzungsverhalten sei in der gleichen Weise genetisch festgelegt. (Ditfurth, 1985, S.151 f)

Das andere Geschlecht

Der jahrhundertelangen Verdrängung des Verhütungswissens erliegt auch noch Simone de Beauvoir. Sie hätte ihre Aussagen über die enge Bindung der Frau an die Art sicher relativiert, wenn sie gewußt hätte, wie selbstbewußt und selbstverständlich Frauen durch die Jahrhunderte und Kulturen diese Bindung durch Verhütung manipuliert haben. Beauvoir betont selbst immer wieder die Bedeutung von Verhütung bzw. deren Fehlen. So spricht sie von der "Versklavung durch die Fortpflanzungsaufgabe" (S.133) und von den üblen Folgen "aufgezwungener Mutterschaft", die dazu führt, "daß schwächliche Kinder in die Welt gesetzt werden, die zu unterhalten die Eltern nicht in der Lage sind." (S.470) Sie schildert eindringlich die Lage der Frau in Nordafrika heute, ohne Verhütung: "Von zehn Kindern, die sie empfängt, sterben sieben oder acht, und kein Mensch regt sich darüber auf, weil die schweren und sinnlosen Mutterschaften das Muttergefühl abgetötet haben." (S.471). In ihrer Schlußfolgerung stimmt sie mit Heinsohn/Steiger überein: "Die junge Frau muß sich in einer psychologischen, sittlichen und materiellen Lage befinden, die ihr diese Belastung ermöglicht. Andernfalls sind die Folgen katastrophal." (S.505)

Dann schwindet jedoch die Übereinstimmung. Denn obwohl sie sieht, daß Frauen immer zur Verhütung motiviert waren, und bei ihren Studien auch Quellen zur Verhütung gefunden hat (bei Indianerstämmen, im Altertum und im persischen Mittelalter S.130), sagt sie zum europäischen Mittelalter unkritisch: "Das Mittelalter wußte von diesen Kniffen nichts, es findet sich keine Spur davon bis ins 18. Jahrhundert. Für viele Frauen war zu dieser Zeit das Leben eine unaufhörliche Folge von Schwangerschaften." (S.130). Und summarisch behauptet sie einfach: "... alles in allem aber ist Jahrhunderte hindurch die Fruchtbarkeit der Frau keinen Einschränkungen unterworfen worden." (S.130)

Dabei schimmern manchmal die Erkenntnisse von Heinsohn/Steiger schon durch, wenn sie z.B. aus einem mittelalterlichen Gesetzbuch zitiert: "Es besteht ein großer Unterschied zwischen einer Frau, die ihr Kind beseitigt wegen der Mühe, die sie hat, es zu ernähren, und derjenigen, die keine andere Absicht hat, als das Verbrechen der Unzucht zu verbergen." (S.132. An dieser wie an vielen anderen Stellen ist es bedauerlich, daß die genaue Quellenangabe fehlt. im Zusammenhang mit dem Thema wäre die genaue Datierung und der Kontext des Zitates wichtig.) Sie bezieht das Zitat aber nur auf den Infantizid, den sie auch ganz anders bewertet als Heinsohn/Steiger: "... der Beweis ist, daß bei den Nomadenvölkern der Kindermord immer eine große Rolle gespielt hat; viele Neugeborene, die nicht umgebracht werden, sterben außerdem aus Mangel an Pflege bei allgemeiner Gleichgültigkeit." (S.72)

Heinsohn/Steiger belegen dagegen, daß der Infantizid z.B. bei den Eskimos mit einer intensiven Hinwendung und allgemeinen Kinderliebe zusammengeht.

Was nun die Rolle der Weisen Frauen angeht, so ist sie Beauvoir völlig unbekannt. Es ist ohnehin erstaunlich, daß in ihren historischen Betrachtungen die Hexenverfolgung vollkommen fehlt. Immerhin ist der Mord an mehreren 100.000 Menschen des "anderen Geschlechtes" eine ungeheuerliche historische Tatsache, unabhängig davon, wie man ihn interpretiert.

Aber alles, was sie dazu schreibt, ist: "Frauen sind als Hexen verbrannt worden, einfach weil sie schön waren..." (S.199)

Aber obwohl sie der allgemeinen Verdrängung der Hexenverfolgung erliegt, hat sie einen Satz geschrieben, der ohne Absicht in geradezu historischer Ironie auf die Hexenverfolgung paßt:

"Selbst zu Zeiten, da die Menschheit aufs dringendste nach Geburten verlangte, weil das Bedürfnis nach Arbeitkräften größer war als das nach Rohstoffen zum Verarbeiten, selbst in Epochen, als die Mutterschaft höchste Verehrung genoß, hat sie den Frauen nicht den Vorrang zu verschaffen vermocht." (S.72)

Im Gegenteil.

   



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Zuletzt aktualisiert am 09.02.2006