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Vorbemerkung
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2. Die Hauptthesen des Buches
Die Hexenverfolgung war eine bevölkerungspolitische Maßnahme, die auf wohldurchdachte Weise das Wachstum der europäischen Bevölkerung verstärken sollte. Vorausgegangen war ihr die große Bevölkerungskatastrophe von 1349-1450 mit einer Einwohnerreduzierung von 60-75%. Ihre Folge war die europäische Bevölkerungsexplosion.
Zum Verständnis ist noch eine weitere Prämisse der Autoren wichtig: Die Kinderzahl eines Paares hängt eng von dessen Wirtschaftslage ab. In der Lebensplanung der Eltern muß, auch ökonomisch gesehen, Platz für die Kinder sein. Die Autoren weisen den Versuch zurück, diese Haltung abzuqualifizieren als niederen Beweggrund, der neues menschliches Leben verhindere. Vielmehr legen sie dar, daß eine solche Familienplanung den Kindern, die tatsächlich geboren werden, nur zuträglich sein kann. Das ist leicht einsichtig, wenn man sich die Folgen des umgekehrten Falles, also einer hohen Kinderzahl ohne Rücksicht auf die Wirtschaftslage vor Augen führt. Im einfachsten Falle sind die Folgen hoher Streß für die ganze Familie, im schlimmsten Fall Hunger, Krankheit, Not. Voraussetzung für eine glückliche Kindheit ist somit Verhütung und Familienplanung. Daß das heute zunächst paradox erscheint, liegt an der pronatalistischen Ideologie, die im Gefolge der Hexenverfolgung aufkam, und die bis heute unsere Kultur beherrscht. Im Einzelnen sieht die Hauptthese über die Hexenverfolgung wie folgt aus: Tatsache ist, daß die Bevölkerungszahl in Europa in der Zeit vor 1349 keine besonderen Schwankungen erlebt. Nach der bisherigen Lehrmeinung blieb die Bevölkerungszahl in Europa durch den Ausgleich einer hohen Geburtenrate mit einer hohen Sterblichkeit stabil. Dabei wird die bekannt hohe Geburtenrate des 17.-19. Jahrhunderts wie selbstverständlich auf frühere Zeiträume übertragen. Verhütungswissen wird für die Neuzeit exklusiv beansprucht, Verhütung im Mittelalter wird geleugnet. Dem halten die Autoren Belege über Verhütungswissen in praktisch allen bekannten Kulturen und auch im Mittelalter entgegen. Ihrer Auffassung nach wurden im Mittelalter wenige Kinder geboren, von denen aber die meisten überlebten. Spezialistinnen für Verhütung waren im Mittelalter die Weisen Frauen, die Heilerinnen und Hebammen waren. Beratung in Verhütungsfragen war jedoch ihre im Alltag am häufigsten in Anspruch genommene Dienstleistung. Nach der europäischen Bevölkerungskatastrophe beginnt nun die Hexenverfolgung. Warum? Nach bisherigen Thesen hat in dieser Zeit ein Wahn die kirchliche und weltliche Obrigkeit erfaßt. Feministinnen sprechen von Frauenhaß, andere Forscher sprechen von religiösem Fanatismus. Heinsohn und Steiger widersprechen dem Versuch, die Konzeption der Hexenverfolgung mit psychiatrischen Symptomen in Verbindung zu bringen. Die Hexenverfolgung ist von Klerus und Adel aus "exaktem politischen Kalkül" entwickelt worden. Die Autoren behaupten jedoch nicht, daß die Vollstrecker der Hexenverfolgung alle psychisch gesund gewesen seien. Bis ins Hochmittelalter ist der Feudalismus ein Gleichgewichtssystem. Der Boden wird optimal ausgenutzt, um die Oberschicht mit Konsum- und Luxusgütern zu versorgen. Die Ausbeutung der Bauern ist erträglich. Nach der europäischen Bevölkerungskatastrophe stehen einer konstant gebliebenen Oberschicht viel weniger Bauern gegenüber. Weil die Oberen ihre Bauern nur bis zu einem gewissen Gerade "melken" können, brauchen sie wieder mehr Untertane, wenn sie die gleiche Menge an Abgaben aus der Landwirtschaft entnehmen wollen. Der größte Landbesitzer in Europa ist die Kirche. Von ihr gehen auch konsequent die Bestrebungen aus, die Zahl der ausbeutbaren Landarbeiter, also der Bevölkerung, wieder zu erhöhen. Und zwar durch Ausrottung des Verhütungswissens. Verbote der Verhütung bestanden schon lange und waren unwirksam. Deshalb wurde nun zu stärkeren Mitteln gegriffen. Dazu möchte ich ein kleines Gedankenspiel vorschlagen: Heute würden radikale Maßnahmen zur Erhöhung der Geburtenziffer vielleicht mit der Schließung der Fabriken für Kondome beginnen. Das hätte aber wenig Erfolg, weil heute die Versorgung der Bevölkerung mit Verhütungsmitteln und -Wissen auf viele Stellen verteilt ist: Ärztinnen, Apothekerinnen, Pharma- und Gummiindustrie, Aufklärungsbücher und Sexualberatungsstellen wie z.B. von Pro Familia. Damals war die Gesellschaftsstruktur wesentlich einfacher und die Quelle für Verhütung leicht zu orten: Die Weisen Frauen waren dafür zuständig. Gegen sie richtete sich also die brutale Kampagne für das Bevölkerungswachstum in Europa. In engem zeitlichen Zusammenhang mit der Hexenverfolgung beginnt die europäische Bevölkerungsexplosion. These der Autoren ist es, daß dieser Zusammenhang auch kausal ist. Nach der bisherigen Lehrmeinung ergibt sich die Bevölkerungsexplosion aus sinkenden Sterbeziffern durch bessere Medizin und Hygiene bei gleichbleibend hohen Geburtenraten. Heinsohn und Steiger sehen das anders. Die Ausrottung des Verhütungswissens bewirkt einen starken Anstieg der Geburtenrate. Weil die resultierenden Menschenmassen schlechter versorgt werden können, steigt auch die Sterblichkeit, aber wesentlich schwächer als die Geburtenrate. Sie belegen ihre Thesen durch eindeutige Statistiken. |